11 – Ein ganz normaler Tag

Muraho ihr Lieben!

Wie geht‘s dir? Was machst du den ganzen Tag? Musst du viel unterrichten? Kannst du mittlerweile mit den Kindern auf Kinyarwanda reden?

Das sind nur einige Fragen, die mich immer wieder erreichen. Darum dachte ich mir, dass ich Euch einfach mitnehme und euch einen ganz normalen Tag schildere. Es hat sich nämlich Einiges getan seitdem ich hier angekommen bin.

Ihr habt das große Glück, einige Fotos zu sehen. Das verdankt ihr Lennard und Katharina, zwei Volontären aus Tansania, die uns letzte Woche besucht haben und unsere persönlichen Fotografen waren. Aber seht selbst:

Dienstagmorgen 5.30 Uhr. Im Prinzip noch Nacht, aber mein Wecker kennt keine Gnade und reißt mich aus dem Schlaf. In meinem halbwachen Zustand schaffe ich es, fünf Minuten zu spät zum Gebet zu erscheinen. Eingemummelt in meine Fleecejacke (morgens ist es mir einfach bei 12°C zu kalt) lasse ich das Morgengebet mit anschließender Morgenmesse mehr oder weniger aufmerksam über mich ergehen. Jeden Tag Kirche? Ja genau. Aber das hört sich anstrengender an, als es tatsächlich ist. Es gehört einfach dazu und ist Teil meines Alltags in Ruanda geworden. Am Schönsten ist immer die Zeit nach der Morgenmesse. 15 Minuten haben wir Zeit, um in der Kapelle zu lesen. Für mich als alte Leseratte immer ein Lichtblick, wenn ich einmal gar keine Lust auf den Gottesdienst habe.

Nach der Kirche schlurfe ich in mein Zimmer. Um 7:30 Uhr ist das Morgenwort für die Schüler des VTC‘s. Bis dahin habe ich noch 30 Minuten Zeit, Mails zu checken und Kontakte in die Heimat zu pflegen. Denke ich mir zumindest. Aber als ich in meinem Zimmer ankomme, muss ich mit Bedauern feststellen, dass unser Internet mal wieder nicht funktioniert. Na gut, dann eben nicht. Aufräumen wäre eine andere Option, denn mein Zimmer vermittelt oft den Eindruck, als wäre eine der vielen ruandischen Ziegenherden hindurchgezogen und hätte ein einziges Chaos hinterlassen. Aber das Genie beherrscht das Chaos und so denke ich mir nach 5 Minuten aufräumen, dass mein Zimmer ja doch nicht sooo schlimm aussieht und schreibe noch schnell ein paar Stichpunkte in mein Tagebuch.

Um 7:30 Uhr stehen Lina und ich schließlich vor der Schule, zusammen mit den Lehrern und Schülern, alle in Reih und Glied wohlbemerkt, und lauschen dem Morgenwort. Heute ist es Père Léon, der auf französisch zu den Schülern spricht, sodass ich alles verstehe und auch das schöne „Halleluja“ mehr oder weniger laut mitsingen kann.

Nach dem Morgenwort, sicher 15 geschüttelten Händen und noch mehr gesprochenen „Mwaramutse!“ (Guten Morgen!), begeben Lina und ich uns in das Esszimmer, denn mit unseren Besuchern aus Tansania haben wir uns um 8 Uhr zum Frühstück verabredet. Bei einer Tasse guten ruandischen Kaffees wird der weitere Tagesablauf geplant. Soweit man von Planung sprechen kann, denn meistens kommt sowieso alles anders, als wir es uns vorgenommen haben.

Der erste Punkt auf der „Tagesordnung“ ist ein kleiner Spaziergang ins Zentrum von Rango. Natürlich sind wir mal wieder nicht alleine, sondern stoßen schon vor dem Tor unseres Geländes auf Kinder, die uns begleiten wollen.

Auf geht's nach Rango!

Auf geht’s nach Rango!

Rango besitzt eine Kirche, einen Markt, diverse kleinere Geschäfte und ist Zuhause für viele Tausend Menschen. Typisch Dorfleben kennt jeder jeden und es wird auch gerne über alles und jeden getratscht. Lina und mir kommt es oft vor, dass uns Leute mit unserem Namen begrüßen, obwohl wir uns sicher sind, die Leute noch nie gesehen zu haben. Aber ich freue mich trotzdem jedes Mal mit meinem Namen angesprochen zu werden und nicht mehr mit

„Muzungu“( Weiße), wie es am Anfang oft der Fall war. Auf dem Weg ins Zentrum kommen uns also wieder einige Leute entgegen. „Hey, was sind das für andere Weiße?“, „Wo geht ihr hin?“, „Sehen wir uns später?“. Smalltalk wird ganz groß geschrieben. Auf dem Markt sehe ich auch wieder einige bekannte Gesichter, aber weil mittlerweile doch schon ein paar Kinder uns „verfolgen“, bleibt nicht viel Zeit für längere Gespräche und wir beschließen zurück auf unser Gelände zu gehen. Auf dem Rückweg unterhalte ich mich mit einer jungen Frau, die mir ihr Kind andrehen möchte. Dieses nicht wirklich ernst gemeinte Angebot, lehne ich dankend ab.

Rango-City

Rango-City

 

Hier seht ihr ein paar Mototaxifahrer, die auf Kundschaft warten.

Hier seht ihr ein paar Mototaxifahrer, die auf Kundschaft warten.

Dort angekommen geht es direkt ans „Unterrichten“. Viele Kinder, vor allem die Kinder, die auf der Straße leben, gehen nicht in die Schule. Bildung ist aber enorm wichtig für die Zukunft der Kinder und so ist ein Hauptpunkt unserer alltäglichen Arbeit das Unterrichten der Kinder geworden. Das kann das Schreiben-Lernen sein, Rechenaufgaben oder einfache Englischdialoge, je nach dem, auf was die Kinder gerade Lust haben. Heute ist Bosco da. Bosco ist 13 Jahre alt und noch nie in seinem Leben in die Schule gegangen. Sein Vater hat eine neue Frau geheiratet, mit der Bosco nicht zurechtkommt. Aus diesem und anderen Gründen, schläft er auf der Straße. Die Geschichte von Bosco ist nur ein Bespiel für die Geschichte vieler Kinder. Wie genau unser Projekt für die Kinder aussieht und was das mit den gesammelten Spendengeldern zu tun hat, möchte ich gerne im nächsten Artikel erklären.

Kwiga-Stunde vor dem Haus

Kwiga-Stunde vor dem Haus

Aber zurück zu Bosco. Heute lernt er das S und einfache Wörter wie „ISI“ (Erde) und „ISAHA“ (Uhr). Er freut sich richtig, als er auch selbst erkennt, dass er die letzten Wochen große Fortschritte gemacht hat. In der Sonne, vor dem Haus sitzend schreiben wir also eine Stunde lang einzelne Buchstaben, Wörter und beobachten nebenbei, wie Lina versucht, einem Jungen einen Wassereimer über den Kopf zu kippen. Er möchte sich nicht waschen, müsste es aber dringend einmal tun, weil man seinen Pulli aus 5 Metern Entfernung riechen kann,und so sind eben etwas unkonventionellere Methoden gefragt. Am Ende der kleinen Wasserschlacht ist jedoch so ziemlich alles nass, außer dem Jungen, den es eigentlich treffen sollte.

Nach der „Kwiga-Stunde“ (Lernstunde) vor dem Haus geht es für uns in das Haus zum Mittagessen. Nach dem Mittagskaffee bin ich auch wieder voller Energie, um den Nachmittag gut zu überstehen. Wir wollen nämlich unseren Besuchern Butare zeigen, die Stadt. Butare (der offizielle neue Name ist „Huye“) ist mit seinen knapp 90.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Ruandas und gleichzeitig Standpunkt der Nationaluniversität Ruandas, sodass hier sehr viele Studenten unterwegs sind. Wir haben Glück, einer unserer Pater ist gerade auf dem Weg in die Stadt und kann uns vier in dem Auto mitnehmen. Zunächst einmal geht es für uns zum Bahnhof. Lennard und Katharina müssen Bustickets für den kommenden Tag kaufen. Auf dem Busbahnhof in Butare ist immer Betrieb. Zahlreiche Leute wollen, dass wir die Busse bestimmter Firmen benutzen und versuchen, uns zu überreden, bei ihrem Unternehmen die Tickets zu kaufen. Uns lässt das mittlerweile ziemlich kalt, wir wissen, wo wir welche Tickets zu welchem Preis bekommen.

Der Busbahnhof von Butare

Der Busbahnhof von Butare

 

Um zwei Bustickets reicher machen wir uns anschließend auf den Weg ins Stadtzentrum. Auf einma wird Lina von einem jungen Mann mit ihrem Namen angesprochen. Wir kennen ihn nicht, er uns schon, eine ganz normale Situation also ;) Es stellt sich heraus, dass er letztes Jahr noch Schüler im VTC war und uns darum kennt. Auf dem Weg ins Stadtzentrum, bei der Post vorbei, stoßen wir außerdem noch auf eine Gruppe Gefängnisinsassen, alle gekleidet in auffälligem Orange, die als Sozialarbeit die Straße vergrößern.

Auf dem Weg zum Markt

Auf dem Weg zum Markt

Nach einem kurzen Abstecher zur Bank und zum Supermarkt, der sogar Bodylotion von Nivea verkauft (natürlich zu einem unglaublich überteuerten Preis), erreichen wir schließlich den Markt. Hier findet man alles, was man braucht. Bohnen, Maismehl, Besteck, künstliche Haare, Schuhe, Schmuck, Handys, Tomaten, Fleisch, Ersatzteile für das Fahrrad und so weiter und so fort. Zu dieser Tageszeit an einem Dienstagnachmittag ist der Markt relativ leer. Wir genießen kurz die schöne Aussicht von der oberen Etage des Marktgebäudes und lassen die Eindrücke auf uns wirken.

Das "Erdgeschoss" des Marktes

Das “Erdgeschoss” des Marktes

Schuhe...

Schuhe…

...und allerhand Bekleidung und Stoffe.

…und allerhand Bekleidung und Stoffe.

Bohnen, Maismehl, Zucker und, und, und

Bohnen, Maismehl, Zucker und, und, und

Ein Blick vom "Obergeschoss". Im Hintergrund der Berg "Huye", dem die Stadt ihren Namen verdankt

Ein Blick vom “Obergeschoss”. Im Hintergrund der Berg “Huye”, dem die Stadt ihren Namen verdankt

Danach machen wir uns zu Fuß auf den Rückweg nach Rango. Doch wir haben noch ein kleines Zwischenziel in Petto. Ein kleines Café, das Eis verkauft. Zum ersten Mal seit 8 Monaten konnten Lina und ich also ein leckeres Eis genießen.

 

Das besondere Ereignis musste natürlich auch auf einem Foto festgehalten werden...

Das besondere Ereignis musste natürlich auch auf einem Foto festgehalten werden…

Gestärkt setzen wir den Weg fort, werden aber unterwegs von einem der Pater mit dem Auto aufgegabelt, der auch auf dem Weg nach Rango ist und uns so eine Mitfahrgelegenheit anbietet. In Rango angekommen darf ich mich über ein großes Paket aus der Heimat freuen. An dieser Stelle ein ganz großes Dankeschön an alle, die auf irgendeine Art und Weise einen Beitrag zu dem Paket geleistet haben! Ich habe mich riesig gefreut!

 

Es ist mittlerweile 17 Uhr, mir bleibt also noch eine gute Stunde, um am Oratorium teilzunehmen. Ich beschließe, Fußball zu spielen. Mittlerweile werde ich von den Jungs als (einigermaßen) zurechnungsfähige Gegnerin wahrgenommen, sodass das Fußballspielen mehr Spaß macht und mich ganz schön ins Schwitzen geraten lässt. Ich habe mir angewöhnt, in meinen Sandalen Fußball zu spielen, für irgendetwas müssen Treckingsandalen ja gut sein. Um 18 Uhr findet das „Mot du soir“ statt, das Abendwort. Lina und ich haben nichts vorbereitet und unser Aspirant ist auch nicht anwesend, kann also nicht einspringen. Gut, was wollen wir den Kindern und Jugendlichen heute sagen? Ach ja richtig, wir haben doch Besuch. Lennard darf sich einmal auf Englisch vorstellen,was Lina danach ins Englische übersetzt. Dann noch schnell das Vaterunser auf Kinyarwanda und gute Nacht, “Ijoro ryiza”! Aber richtig Feierabend habe ich doch noch nicht. Ich muss nämlich schnell ein Pflaster wechseln von einem Jungen, der sich am Vortag in den Finger geschnitten hat.

 

Beim Fußball gibt's immer etwas zu lachen. Ganz ernst nimmt das Spiel (zum Glück) keiner

Beim Fußball gibt’s immer etwas zu lachen. Ganz ernst nimmt das Spiel (zum Glück) keiner

Gegen 18:15 Uhr bin ich also in meinem Zimmer. 18:30 Uhr ist das Abendgebet, und mit meinen unglaublich schmutzigen Füßen muss ich davor unbedingt noch duschen. Na gut, dann komm ich eben ein paar Minuten zu spät, ist ja auch nicht so schlimm.

Nach dem gemeinsamen Abendgebet, Abendessen und Abendabwasch lassen Lina und ich noch den Abend mit unseren zwei Besuchern auf unserem Gelände ausklingen. Der Himmel ist klar und wir schauen etwas in die Sterne. „In Deutschland sieht der Himmel bei Nacht ganz anders aus“, denke ich mir. Der Sternenhimmel wird nur eine der Sachen sein, die mir unglaublich fehlen werden.

Schließlich falle ich abends zu später Stunde in mein Bett und bin innerhalb weniger Minuten tief und fest eingeschlafen.

 

So liebe Leser! Das war ein ganz normaler, unnormaler Tag in Ruanda. Tag Nummer 232 um genau zu sein. Nur noch 4 Monate, dann heißt es für mich Abschied nehmen, aber daran möchte ich im Moment noch gar nicht denken.Ich genieße die Zeit, die mir noch bleibt und schicke Euch ganz viele liebe Grüße nach Deutschland!

 

Eure Valentina

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